Leitlinien unserer Arbeit

Als sich das Team der Mitarbeitenden 1997 neu formierte, eröffnete es einen Diskussionsprozess, um sich Grundsätze für die pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Stadtteil zu erarbeiten.

Wir wollten Extrakt der Diskussionen sind in einem ersten Teil die nachfolgenden 13 Leitlinien unserer Arbeit, die der Vorstand in seiner Sitzung am 07. Februar 2000 verabschiedete. Dabei legte dieser Wert darauf festzuhalten, dass die Kinder- und Jugendarbeit prozessualen Veränderungen unterliegt und folglich auch die Leitlinien zu reflektieren und zu entwickeln seien. In einem zweiten Schritt beschreiben wir derzeit acht pädagogische Arbeitsbereiche, die gleichzeitig ein Berichtsraster zur Qualitätssicherung inhaltlich strukturieren werden. Ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Ergebnis, hatte dieser zeit- und arbeitsintensive Prozess zudem - er trug entscheidend zur Homogenität des Teams bei.

Willi Kremer-Mosbach, Februar 2000

Die Jugendbegegnungstätte Freiburg - Haslach e.V. ist eine stadtteilorientierte Einrichtung der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Jungen Menschen ab sechs Jahren werden hier, die zu ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote gemacht, die sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen. (KJHG §11) Wir Mitarbeitenden, getragen durch den Vereinsvorstand, geben im Rahmen unserer Möglichkeiten Kindern und Jugendlichen in unserer komplexen Gesellschaft Orientierung und Impulse zur Lebensgestaltung, unterstützen sie bei der alltäglichen Lebensbewältigung und vermitteln ein positives Lebensgefühl. So ist unsere Arbeit mit jungen Menschen ein sich wechselseitig bedingendes Feld von Erziehung, außerschulischer Bildung, Begegnung, Aktion, Information, Beratung und Interessenvertretung. In diesem Prozess entscheidend ist unser personales Angebot. Wir bauen vertrauensvolle, verlässliche und tragfähige Beziehungen mit jungen Menschen auf, die auf Freiwilligkeit, gegenseitiger Akzeptanz und Wertschätzung des Individuums basieren. Anknüpfend an den spezifischen Bedürfnissen von Mädchen und Jungen und den Gegebenheiten in unserem Stadtteil tun wir dies, indem wir...



... das Selbstwertgefühl von Kindern und Jugendlichen stärken um damit Gefährdungen des körperlichen, geistigen und seelischen Wohls vorzubeugen bzw. entgegenzuwirken.
Das Selbstwertgefühl ist die Einschätzung der eigenen körperlich-seelischen Individualität. Es bestimmt sich durch positive und negative Beurteilungen wie zum Beispiel dem Aussehen, der Leistungsfähigkeit oder dem Vergleich mit anderen. Es ist der Bezugspunkt, an dem das eigene Handeln ausgerichtet wird. Ein schwaches Selbstwertgefühl kann mit Beschränkungserlebnissen und Ressentiment einhergehen oder mit Rachegelüsten, Beachtungs- und Machtstreben kompensiert werden. Der Aufbau eines stabilen, gestärkten Selbstwertgefühls bedeutet Wohlbefinden und Schutz vor Gefährdungen und ist somit insbesondere Vorbeugung vor Sucht, Delinquenz und psychischen Störungen. Indem wir an den individuellen Stärken der einzelnen Kinder und Jugendlichen, der Gruppen und Cliquen ansetzen, nehmen wir sie und ihre Belange ernst, regen dazu an, sich selbst intensiver kennen zu lernen und tragen zu einem positiven Selbstbild bei.



... bedürfnisorientierte Erfahrungsfelder zur persönlichen Entfaltung anbieten.
Kinder und Jugendliche haben das Potential, die Lust und die Neugier, sich lernend zu entwickeln. Hierzu reichen die Möglichkeiten und Anregungen in Haslach oftmals nicht aus. Unser Anspruch an die Bildung von Kindern und Jugendlichen beinhaltet ein ganzheitliches Konzept, das kulturelle, soziale, emotionale, kognitive und motorische Lernprozesse umfasst und auf einer von Freiwilligkeit geprägten Atmosphäre beruht. Durch Impulse und geeignete, an den Interessen der Kinder und Jugendlichen anknüpfenden Angebote, bei denen sie sich ausprobieren, ihre Kreativität entfalten und Fähigkeiten ausbilden können, regen wir ihre Entwicklung an.










... wir über Spaß, Freude, Erlebnis und Aktion Kindern und Jugendlichen einen wichtigen Zugang zu einem positiven Lebensgefühl eröffnen.
Spielen als sich selbst genügende Beschäftigung mit sich und anderen eignet sich zum Einüben von Fertigkeiten, als Ausdrucksmöglichkeit und schafft Spaß und Freude. Wir nehmen das Spielen ernst und regen zum Spielen an, indem wir Spielmöglichkeiten schaffen. Kinder und Jugendliche, die sich miteinander freuen, gemeinsam lachen, sich bewegen oder genießen können, erfahren ein bejahendes und zuversichtliches Lebensgefühl, mit dem sie ihren Alltag befriedigend erleben



... die Beziehungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen fördern.
Beziehungen machen gesundes psychologisches Wachstum aus. Kinder und Jugendliche suchen Beziehungen. Der gesellschaftliche Trend (steigende Trennungstendenz, Überangebot der modernen Unterhaltungsindustrie, erhöhter Leistungsdruck) zeigt sich auch in Haslach verstärkt und trägt bei Kindern und Jugendlichen zur "Beziehungslosigkeit" bei. Die Beziehungsschwierigkeiten können zu Verunsicherungen führen, die sich in Rückzug oder in offen aggressivem Verhalten ausdrücken. Zunehmend treffen wir auf Kinder und Jugendliche, die überwiegend nach eigenen Vorstellungen leben, ohne von außen kommende Regeln und Normen zu respektieren. Unsere Beziehungsangebote sind daher Modell für positive zwischenmenschliche Erfahrungen von familienergänzender Funktion bis partnerschaftlichem Status. Auch regen wir die Kinder und Jugendlichen an, untereinander in Beziehung zu treten und andere Personen und Freundschaften zu ihnen wertzuschätzen.



... die Entwicklung einer eigenständigen, bewussten Geschlechtsidentität von Mädchen und Jungen unterstützen und geschlechtsspezifische Benachteiligungen abbauen.
Die Entwicklungs- und Lebensbedingungen von Mädchen und Jungen sind von patriarchalen Strukturen geprägt, die sich besonders in idealisierten männlichen Denk- und Verhaltensweisen äußern. Die darauf begründeten herkömmlichen Rollenerwartungen schränken Mädchen und Jungen ein. Über die kritische Reflexion dieser Muster und Bereitstellung neuer Erlebensräume fördern wir die Veränderung der bestehenden Handlungs- und Reaktionsweisen. Vorrangiges Ziel ist die Stärkung der Geschlechtsidentität, die auf der Gleichwertigkeit von Mädchen und Jungen beruht. ... Kinder und Jugendlichen unterstützen, Werte zu entwickeln und gesellschaftliche Normen zu respektieren. Kinder und Jugendliche sind auf der Suche nach Werten, die ihnen Orientierung und Sicherheit geben. Die Entwicklung von Werten wie Achtung, Toleranz und Hilfsbereitschaft ist ein Schritt auf dem Weg zur reifen Persönlichkeit. Gesellschaftliche Werte, die in Normen festgelegt sind, zu kennen und zu respektieren, macht soziales Leben erst möglich. Diese Werte und Normen durch unsere Personen vorzuleben und AnsprechpartnerInnen im Auseinandersetzungsprozess zu sein, sehen wir als unsere Aufgabe mit dem Ziel, Schwächere zu schützen, Mitgefühl zu fördern und ein sozialverträgliches Miteinander zu üben.


... selbstbestimmte Freiräume zur Erprobung und Förderung von Eigeninitiative, Solidarität und Verantwortungsbewusstsein ermöglichen.
In einem von Erwachsenen entworfenen und reglementierten Lebensalltag brauchen junge Menschen die Möglichkeit, selbstbestimmt eigene Ideen, Fähigkeiten und auch Grenzen zu erproben. Entsprechend der Reife der Kinder und Jugendlichen und der jeweils aktuellen Situation im Stadtteil stellen wir Räume und Material zur Verfügung. Aus unserer Verantwortung für den Schutz der Anwesenden und um Überforderung der Initiatoren vorzubeugen, knüpfen wir daran angemessene Bedingungen. Wir regen zu Aktionen und Veranstaltungen in eigener Verantwortung an und bieten Unterstützung bei der Planung und Durchführung. Damit fördern wir neben Zielstrebigkeit und Ausdauer vor allem auch soziales und gesellschaftliches Engagement.



... die Bereitschaft fördern, andere Lebenswelten und Lebensweisen kennen- und verstehen zu lernen, zu achten und Diskriminierung entgegenzuwirken.

Kinder und Jugendliche aus Haslach treffen in ihrem Alltag auf andere Lebenswelten und reagieren aufgrund von Vorurteilen oftmals abwertend. Die Andersartigkeit zeigt sich ethnisch (z.B. Sinti), sozial (z.B. Armut), sexuell (z.B. Homosexualität), national (z.B. Ausländer), kulturell (z.B. Punks) und religiös (z.B. Islam). Mangelndes Selbstwertgefühl und Angst vor Fremden führt bei Kindern und Jugendlichen zu Ablehnung und Aggression. Durch Information und Einflussnahme in Konfliktsituationen versuchen wir, Vorurteile abzubauen, Achtung und Akzeptanz zu fördern und damit zu einem toleranten Mit- und Nebeneinander beizutragen.



... Maßnahmen zur Lösung von persönlichen Problemen und Krisen von Kindern und Jugendlichen gemeinsam planen und durchführen.
Sowohl entwicklungsbedingte Krisen als auch gesellschaftlich bedingte schwierige Lebensumstände belasten Kinder und Jugendliche. Im vertrauensvollen Gespräch werden Probleme in ihren Zusammenhängen durchsichtig gemacht und Lösungen erarbeitet. Handelt es sich um unlösbare Probleme, ermutigen wir zu einem konstruktiven Umgang mit diesen


... mit allen relevanten Institutionen zusammenarbeiten, die mit der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen befasst sind.

Um Prävention sowie notwendige Hilfemaßnahmen zielgerichtet und effektiv durchführen zu können, kooperieren wir mit anderen Einrichtungen, deren spezielle Angebote oder ihre Wirkungsweise im Wohnumfeld dafür hilfreich sind. In dieser, teilweise stadtübergreifenden Vernetzung, werden je nach Bedarf Informationen ausgetauscht, Ressourcen gebündelt und Maßnahmen koordiniert, um situationsgerechte Vorgehensweisen zu ermöglichen. Wir legen Wert auf langfristigen Austausch und regelmäßigen Kontakt, um rasch, kompetent und flexibel zu handeln.


... die Interessen von Kindern und Jugendlichen in der Öffentlichkeit vertreten und an der Verbesserung von einschränkenden materiellen, psychischen und sozialen Lebensbedingungen mitarbeiten.
Kinder und Jugendliche können ihre Interessen gegenüber der Gesellschaft nur bedingt vertreten und werden meist überhört, da ihnen die Lobby fehlt und ihre Bedürfnisse wirtschaftlichen Zielen untergeordnet werden. In Kooperation mit anderen Jugendinstitutionen tragen wir über geeignete Formen dazu bei, die Öffentlichkeit und die politischen Funktions- und Mandatsträger für die Situation von Kindern und Jugendlichen zu sensibilisieren, damit sie deren Belange wichtig nehmen und die Sozialisationsbedingungen verbessern.




... die Auswirkungen des technischen und gesellschaftlichen Wandels auf die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen berücksichtigen und in die Arbeit einbeziehen, um Ausgrenzungen vorzubeugen.
Unsere Arbeit wird beeinflusst von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die sich in einem ständigen Veränderungsprozess befinden. In der Arbeitswelt führen Technisierung und verschärfter Wettbewerb zu Arbeitslosigkeit, knappen Ausbildungsplätzen, hohen Bildungsvoraussetzungen und notwendig hohen Berufsqualifikationen. Im privaten Bereich vermittelt die multimediale Technik eine sekundäre Wirklichkeit, die zwischenmenschliche Kommunikation überflüssig werden lässt , den Rückzug ins Private und damit gesellschaftliche Isolation begünstigt. Gesellschaftlicher Wandel führt zur Auflösung traditioneller Familienstrukturen und bringt neue soziale Lebensentwürfe hervor. Dieser Wandlungsprozess ist begleitet von Unsicherheit und Orientierungslosigkeit und geht häufig einher mit wirtschaftlicher und sozialer Instabilität. Allgemeine Rezession, Knappheit der Mittel und Sozialabbau bedingen zunehmend Armut und verschärfen das soziale Klima. Für viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Haslach bedeutet dies, keine Zukunftsperspektiven mehr entwickeln zu können, in ihrer Lebensführung eingeschränkt zu sein und ins gesellschaftliche Abseits zu geraten. Die diese gesellschaftlichen Veränderungen bedingenden Faktoren können wir nicht beeinflussen. Durch gezielte Maßnahmen und durch niedrigschwellige, sozialverträgliche Angebote versuchen wir die negativen Auswirkungen zu begrenzen.



. .. Kindern, Jugendlichen, ihren Familien und anderen Gruppen und Institutionen des Stadtteils Räume zur Begegnung zur Verfügung stellen.
Private Wohnungen sind oftmals beengt, kommerzielle Räume zu teuer und öffentliche Räume begrenzt. Wir stellen deshalb außerhalb unserer Öffnungszeiten Funktionsräume und Inventar verschiedenen sozialen und freizeitorientierten Gruppen zur Verfügung. Besonders Haslacher Familien, Jugendliche und Kinder können dieses Angebot nutzen und in Eigenverantwortung, oder von uns betreut, Feste feiern. Dies ermöglicht generationsübergreifende Begegnungen, fördert die Eigeninitiative und stellt einen individuellen Bezug zum Haus und Identifikation mit ihm her. Damit erfüllt der Kinder- und Jugendtreff Funktionen eines Stadtteilzentrums.